Prognose zur Therapieentscheidung bei Nierenzellkarzinom

Prognose zur Therapieentscheidung bei NierenzellkarzinomEine Prognose ist mehr als die Angabe einer verbleibenden Lebensspanne. Sie ist die Entscheidungsgrundlage für das optimale, individuelle Behandlungskonzept.

Wie lange habe ich denn noch? Eine wichtige Frage, die nicht so einfach zu beantworten ist. Statistisch gesehen hat sich die Prognose von Patienten mit Nierenzellkrebs (Nieren­zell­karzinom) in den letzten Jahren deutlich verbessert [1]. Durch fort­schrittliche Diagnostik werden viele Nierenzellkarzinome heute in einem Stadium entdeckt, in dem sie heilbar sind. Selbst wenn eine Heilung nicht möglich ist, können Patienten dank moderner Behandlungsverfahren jahrelang ein erfülltes Leben führen [1].

Damit Patient und Arzt gemeinsam entscheiden können, welche Therapie die richtige ist, hilft es, das Risiko zu kennen, mit dem der Tumor wieder auftreten (Rezidiv) oder Tochtergeschwülste (Metastasen) bilden könnte. Genau diese Einschätzung des Risikos verbirgt sich hinter der Prognose.

Prognose – die Zukunft voraussagen

Das Wetter an einem bestimmten Ort in 3 Jahren lässt sich nicht vorhersagen – mit dem morgigen Wetter klappt das schon besser. Mit Ihrer Lebenserwartung bei Nierenkrebs ist es ähnlich. Neben der Krebserkrankung hängt die Lebenserwartung von vielen weiteren Faktoren ab, z. B. von Begleiterkrankungen bis hin zum Lebensstil.

Bezogen auf das Nierenzellkarzinom gibt es aber zwei Ereignisse, deren Auftreten sich dank neuer Methoden und wachsender Erfahrung zunehmend besser vorhersagen lässt:

  • Das Wiederauftreten eines Tumors (Rezidiv)
  • Die Bildung von Tochtergeschwülsten (Metastasen)

Um das Risiko für diese beiden Ereignisse beim Nierenzellkarzinom abzuschätzen, bedient man sich verschiedener Kriterien.

Ein Tumorsteckbrief als prognostischer Faktor beim Nierenzellkarzinom

Das Nierenzellkarzinom wird nach der TNM-Klassifikation eingeteilt:

  • T steht dabei für die Größe und Ausdehnung des Tumors,
  • N für die Anzahl der befallenen Lymphknoten in der Umgebung des Tumors,
  • M für das Auftreten von Metastasen (Tochtergeschwülsten), die sich beim Nierenzellkarzinom am häufigsten in Lunge, Knochen, Leber und Gehirn nachweisen lassen. [2, 3]

Darüber hinaus kann unter dem Mikroskop beurteilt werden, wie aggressiv der Tumor ist. Dies bezeichnet man auch als Grading.

Aus all diesen Merkmalen ergibt sich eine Art „Steckbrief“ des Tumors, das so genannte Tumorstadium. Je weiter fortgeschritten der Tumor ist, desto höher ist das statistische Risiko, dass der Nierentumor an gleicher Stelle wiederauftritt (Rezidiv) oder sich in anderen Organen Tochtergeschwülste (Metastasen) bilden [4].

Weitere Prognosefaktoren beim Nierenzellkarzinom

Das Tumorstadium ist nicht der einzige prognostische Faktor. Mediziner haben aus großen Datenmengen vieler Patienten mit Nierenkrebs weitere Faktoren abgeleitet. Einer von ihnen ist der Hb-Wert, der die Menge an rotem Blutfarbstoff (Hämoglobin) im Blut angibt. Patienten mit zu niedrigen Hb-Werten zeigen erfahrungsgemäß häufiger einen ungünstigen Erkrankungsverlauf [5].

Ein einziger Faktor ist aber noch nicht ausschlaggebend für die Prognose. Daher werden mehrere solcher Merkmale in sogenannten Scores (engl. Punktestand) zusammengefasst. Beim Nierenzellkarzinom wird häufig der Motzer-Score verwendet [5]. Er beinhaltet neben dem Hb-Wert noch vier weitere Kriterien. Für jedes erfüllte Kriterium wird ein Punkt vergeben. Je höher der Punktwert, desto ungünstiger ist die Prognose [5]. Neben dem Motzer-Score etabliert sich derzeit noch der Heng-Score, der sich zum Teil auf ähnliche Kriterien stützt.

Rolle der Prognose in der Behandlungsplanung

Wie beeinflusst die Prognose nun die Behandlung? Ein Beispiel: Selbst wenn ein kleiner Nierentumor allen derzeitigen Nachweismethoden zufolge vollständig entfernt wurde, gibt es einen sehr kleinen Anteil an Patienten, bei denen doch unbemerkt einzelne Krebszellen im Körper verblieben sind. Jahre später können sich aus diesen Krebszellen Rezidive oder Metastasen entwickeln. Man könnte nun alle Patienten nach einer kompletten Entfernung aggressiv behandeln, um auch diese letzten Zellen sicher abzutöten. Für die meisten dieser Patienten wäre eine solche Behandlung aber nicht von Nutzen, da bei ihnen keine Krebszellen mehr vorhanden sind. Diese Patienten würde man unnötigerweise dem Risiko von Nebenwirkungen durch die aggressiven Medikamente aussetzen.

Ganz anders sieht es dagegen bei Patienten aus, bei denen alle prognostischen Faktoren auf ein hohes Risiko für ein Rezidiv oder Metastasen hindeuten. Sie würden großen Nutzen aus einer weiteren Behandlung nach der Operation ziehen. Im Verhältnis zu diesem Nutzen ist das Risiko von Nebenwirkungen gering.

Ob Bestrahlung, Chemotherapie oder zielgerichtete medikamentöse Therapie – die Abschätzung der Prognose hilft dabei, die Behandlung zu finden, von der Sie als Patient den größten Nutzen bei kleinstem Risiko haben.

Quellen: 
[1] Das Lebenshaus e.V.: Diagnose Nierenkrebs! Wir geben Antworten! Basisbroschüre Nierenkrebs, September 2011. [2] Universitätsklinik Ulm. http://www.uniklinik-ulm.de/struktur/zentren/cccu/home/fuer-patienten-und-angehoerige/krebsbehandlung/krebs-spezifisch/nierenzellkarzinom.html#c51648 (zuletzt besucht am 16.01.2017) [3] G. Jakse: Nierenzellkarzinom, in: Uroonkologie, H. Rübben (Hrsg.), Springer Medizin Verlag Heidelberg 2007: 245−265. [4] www.Urologielehrbuch.de, Kapitel Nierenzellkarzinom (3/4): operative Therapie, http://www.urologielehrbuch.de/nierenzellkarzinom_03.html (zuletzt besucht am 16.01.2017) [5] http://www.dgho-onkopedia.de/onkopedia/leitlinien/nierenzellkarzinom%20%28hypernephrom%29, (zuletzt besucht am 16.01.2017)

Autorin: Dr. med. Sonja Hermeneit